07.02.2013

Mathilde Wesendonck - 1939

Deutsche Frauen. Bildnisse und Lebensbeschreibungen. Eingeleitet von Ina Seidel. Verlag Ernst Steiniger, Berlin 1939Mathilde Wesendonck


1939

Würdigung der Person


In dem Buch Deutsche Frauen. Bildnisse und Lebensbeschreibungen aus dem Jahre 1939 wird durch den Musikwissenschaftler und -kritiker Dr. externer Link Wikipedia Karl Holl: (* 1892 - † 1975) aus Frankfurt a. Main sein Beitrag Mathilde Wesendonck publiziert. [1]

Deutsche Frauen. Bildnisse und Lebensbeschreibungen. Eingeleitet von Ina Seidel. Verlag Ernst Steiniger, Berlin 1939
Deutsche Frauen. Bildnisse und Lebensbeschreibungen.
Eingeleitet von Ina Seidel. Verlag Ernst Steiniger, Berlin 1939
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Deutsche Frauen. Bildnisse und Lebensbeschreibungen. Eingeleitet von Ina Seidel. Verlag Ernst Steiniger, Berlin 1939, S. 204
Deutsche Frauen. Bildnisse und Lebensbeschreibungen.
Eingeleitet von Ina Seidel. Verlag Ernst Steiniger, Berlin 1939
, S. 204. (2)


Mathilde Wesendonck

„...Ein holdes Weib, schüchtern und zagend, warf mutig sich in das Meer der Schmerzen und Leiden, um mir diesen herrlichen Augenblick zu schaffen, mir zu sagen: Ich liebe Dich!“...
...„sie ist und bleibt meine erste und einzige Liebe! ... Es war der Höhepunkt meines Lebens: die bangen, schön beklommenen Jahre, die ich in dem wachsenden Zauber ihrer Nähe, ihrer Neigung verlebte, enthalten alle Süße meines Lebens“...
...„Da zwischen uns nie von einer Vereinigung die Rede sein konnte, gewann unsere tiefe Neigung den traurigen wehmütigen Charakter, der alles Gemeine und Niedere fern hält und nur in dem Wohlergehen des Andren den Quell der Freude erkennt“...
...„Mir ist dabei recht wohl bewußt, daß ich nie etwas Neues mehr erfinden werde: jene eine höchste Blütezeit hat in mir eine solche Fülle von Keimen getrieben, daß ich jetzt nur immer in meiner Kunst in meinen Vorrat zurückzugreifen habe, um mit leichter Pflege mir die Blume zu erschließen“... [*]
Was wüßten wir noch von Mathilde Wesendonck, wäre ihr nicht bestimmt gewesen, auf solche Art in das Schicksal Richard Wagners einzugreifen, hätte nicht diese Fügung im Schaffen dieser schier übermenschlichen Künstlerpersönlichkeit eine so tiefe und segensreiche Spur hinterlassen?

*

Mathilde Luckemeyer ist im Jahre 1828 als Tochter eines Kommerzienrates in Elberfeld geboren. Im zwanzigsten Lebensjahre verheiratete sie sich in Düsseldorf mit dem dreizehn Jahre älteren Otto Wesendonck, dem deutschen Teilhaber eines großen New Yorker Seidenhauses. Von 1851 bis 1872 wohnte sie mit ihrem Gatten, dem sie bis 1862 fünf Kinder gebar, in Zürich, dann rund zehn Jahre lang in Dresden. Die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens verbrachte sie teils in Berlin, teils auf ihrem Landhause am Traunsee. Dort ist sie im Jahre 1902, sechs Jahre nach dem Tode Otto Wesendoncks, gestorben. Seit ihrem vierzigsten Lebensjahre ist diese Tochter und Gattin eines Großkaufmanns mit Dramen, mit Märchen- und Puppenspielen, mit Märchenerzählungen und auch mit einem Kinderbuch an die Öffentlichkeit getreten. Sie war auf jeden Fall innerhalb ihrer Gesellschaftsschicht eine ungewöhnliche Frau, mehr als durchschnittlich begabt und gebildet. Aber ihr Nachruhm, ja sogar ihre bescheidene Wirkung als Schriftstellerin zu ihren Lebzeiten ruht auf anderen Grundlagen. Sagen wir es nun klar und deutlich: sie ist in den Züricher Jahren, von 1853 bis 1858, die geistige Gefährtin, die wahre Freundin und die „Muse“ des Mannes gewesen, der damals den „Ring des Nibelungen“ bis zur Mitte des „Siegfried“ gefördert, den „Tristan“ gedichtet und musikalisch entworfen, den „Parsifal“ im Keime empfangen hat.

*

Ohne Wagners Begegnung mit Mathilde Wesendonck, ohne den tragischen Charakter und Ausgang dieser Herzensfreundschaft zweier Menschen, die beide an das Schicksal anderer gebunden waren, wäre das klingende Drama von „Tristan und Isolde“ wohl nie geboren worden. Ohne Mathildens Rückwendung zu ihrem Gatten, ohne den dadurch erzwungenen endgültigen Verzicht Wagners auf ein zwar nie klar geplantes, aber heiß ersehntes Zusammenleben mit ihr und ohne ihren weiteren, noch lange fortdauernden Einfluß auf sein weiches, auch für das Ewig-Weibliche besonders empfängliches Gemüt hätte er wohl kaum den alten Entwurf der „Meistersinger“ wieder hervorgeholt und nach dem „Liebestod“, mit dem das Drama „des tönenden Schweigens“ ausklang, seiner schöpferischen Kraft jenes wissende Lächeln und jenen tröstenden Optimismus abgewonnen, die uns aus dem tief bedeutsamen Spiel um Hans Sachs so sonnig wärmend anstrahlen. „Weißt Du, wie das ward?[*] - Wir wissen es, aber können es erfahren aus jenen Tagebuchblättern und Briefen des „Meisters“, die Frau Wesendonck selbst empfangen und aufbewahrt hat; aus jenen ergreifenden, weit über die persönliche Aussage hinaus aufschlußreichen Dokumenten, die später von Mathildens zweitem Sohn [Karl Wesendonck] und von ihrem Enkel [Friedrich Wilhelm von Bissing] der Öffentlichkeit übergeben wurden. Diese Selbstbekenntnisse, dazu als Ergänzung die inzwischen noch vereinzelt an den Tag gekommenen „Urkunden“ aus dem Züricher Umkreis und aus dem Briefwechsel von Wagners angetrauter Frau Minna, geborenen Planer, erzählen uns bis ins kleinste den inneren wie den äußeren Verlauf der Tragödie, die dank den seltenen Eigenschaften der zwei Hauptpersonen in ein „Preislied“ auf die „Muse des Parnaß“ ausklingen konnte.
Als die Lebenswege dieses genialen Mannes und dieser ungewöhnlichen Frau einander kreuzten, war Mathilde Wesendonck einunddreißig Jahre und Richard Wagner vierzig Jahre alt. Zur Seite Wagners: eine früh gealterte Frau, die ihn im bürgerlichen Sinne gut umsorgte, aber trotz bester Absicht dem Höhenflug seines Herzens und seines Geistes nicht folgen konnte. An der Seite Mathildens: ein Mann von vornehm-gütigem Charakter, der auch geistige Interessen hatte, aber von seinen Geschäften in Anspruch genommen war und die tiefsten seelischen Wünsche seiner anmutigen, trotz ihrer Mutterschaft offenbar noch recht mädchenhaft gebliebenen Frau nicht zu erfüllen vermochte. Das Ehepaar Wagner wurde ins prächtige, kultivierte Haus des Ehepaars Wesendonck gezogen. Holländer-Wagner glaubte in Mathilde seine „Senta“, den ihm bestimmten „Engel“ zu finden. Schon über das Vorspiel zu „Walküre“ (1854) schrieb Wagner: G (esegnet) S (sei) M (Mathilde); die Handschrift der „Faust“-Ouvertüre, die er ihr schenkte, trägt den Vermerk: zum Andenken S(einer) l(ieben) F(rau). Wagner führte Mathilde, des „Kind“, in die Welt der Musik, der Dichtung und der Philosophie, insbesondere der Philosophie Schopenhauers, ein. Sie hörte ihm so zu, wie „Brünnhilde dem Wotan zuhört“. Aus geistiger Bewunderung und Zuneigung wuchs unversehens eine tiefe Liebe zwischen Mann und Weib. Es kennzeichnet Mathilde, daß sie eingedenk der übernommenen Pflichten ihre Gefühle gegenüber Wagner zügelte und andererseits diese Empfindungen ihrem Gatten nicht verhehlte. Es kennzeichnet Otto Wesendonck, daß er seine Eifersucht bezwang und dem bewunderten Genius in einem kleinen Hause neben der herrschaftlichen Villa auf dem „grünen Hügel“ ein „Asyl“ auf Lebenszeit sichern wollte. Doch die Katastrophe ließ sich nicht abwenden. „Tristan“ und „Isolde“ fielen dem „Tag“ zum Opfer. Obwohl sie rechtzeitig erkannten, daß sie nur im Geiste des Mit-Leidens einander angehören durften, wurden sie durch die dämonischen Mächte: Klatsch, Mißtrauen und Eifersucht - der Eifersucht Minnas, Ottos und auch Mathildens - gezwungen, auseinanderzugehen.

*

Nach der Flucht aus dem Züricher Asyl hat Wagner in Venedig den „Tristan“ vollendet. Auf der Fahrt gen Süden begleiteten ihn die „Fünf Gedichte“ von Mathilde Wesendonck, die er in jener Hoch-Zeit seines Lebens vertont hat. In dem Lied „Stehe still!“ glänzt in Tönen Tristans „Liebesblick“ auf. Aus dem Liede „Träume“ wuchs der Liebesgesang des zweiten Tristan-Aktes, aus dem Liede „Im Treibhaus“ die Todessehnsucht des dritten Aktes. In dem Liede „Der Engel“ ist die ganze Erscheinung der Freundin „sehr zart und weich“ versinnbildlicht; jene Lichtgestalt, die der liebende Wagner einmal mit einem „lang gehaltenen weichen Geigenton“ verglich. Es hat Jahre gedauert, bis Wagner den Traum „Mathilde“ begrub. Erst als Frau Wesendonck im Jahre 1862 noch einmal Mutter [Hans] wurde, zerriß das „Wahngebilde“. Zurück blieb Freundschaft, Sorge um das wechselseitige Wohlergehen auch in den kleinen Dingen des Lebens. Mathilde opferte ihr tiefes Gefühl für Wagner ihren Pflichten gegenüber der Familie. Wagner erkannte immer mehr, daß seine Leiden nur die Mittel eines höheren Zweckes waren. Als Mitleidender kehrte er noch kurze Zeit zu der kranken Minna zurück, ließ er auch die Beziehungen zu Mathilde und Otto Wesendonck nicht abreißen. Aber sein Genius führte ihn bald andere Pfade. Auf der Höhe innerer und äußerer Not fand der „Meister“ den königlichen Mäzen und die starke, rücksichtslos entschlossene Gefährtin, die er brauchte, um das Ziel Bayreuth zu erreichen: Cosima.

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War Mathilde Wesendonck etwa so beschaffen, wie Minna Wagner sie sehen wollte und sehen mußte? War sie vielleicht wirklich eine „kalte“ Frau, die es vorzog, die Gattin eines reichen Kaufmanns zu bleiben, und es verschmähte, die Gefährtin eines armen Künstlers zu werden? Dem widersprechen alle Äußerungen der weniger befangenen und weit urteilsfähigeren Zeugen, die an der Idealität und Feinfühligkeit ihres Wesens keinen Zweifel lassen. Dem widerspricht auch die nackte Tatsache des tiefen Gefühls, das sie in einem Menschen wie Wagner erregt und über die stärksten Belastungsproben hinweg wach gehalten hat. War Wagners eigene Bitterkeit berechtigt, als er, drei Jahre nach der Trennung, an Mathilde schrieb, es sei ihm ein Trost, sie mit Neigungen ausgestattet und in einer bürgerlichen Lage zu wissen, die ihren Leiden einen idyllischen, sanften Charakter ermöglichten? Sicher war Mathilde Wesendonck ihrem Wesen, ihrer Herkunft und Erziehung nach keine Frau, die den letzten, steilen Anstieg Wagners mit dem seltenen Freimut und der ungeheuren Energie des Fühlens und Wollens hätte stützen können, wie es Cosima vergönnt war. Aber ebenso sicher war sie nicht kalt und berechnend und hat den Verzicht auf Erfüllung ihrer Wünsche unter Schmerzen erkämpft. Die edelsten Kräfte und Züge ihrer Natur wie die edelsten seelischen Wirkungen ihres Erlebens mit Wagner sind in dessen reifsten Werke eingegangen, vom „Tristan“ bis zum „Parsifal“, und dadurch über ihr Grab hinaus lebendig geblieben. In die leuchtende Glorie Richard Wagners ist auch der milde Schein ihres Wesens eingewoben.

Karl Holl

Mathilde Wesendonck, geb. am 23. Dezember 1828, gest. am 31. August 1902

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[] Anm. von TS. 
* Hervorhebungen und Illustrationen durch TS.    

Bildnis Mathilde Wesendoncks aus der Züricher Zeit
Bildnis Mathilde Wesendoncks aus der Züricher Zeit.
Gemälde von C. L. Dörner, R. Bory, Coppet. (3)

 

Bilder:
  1. Vergrößern Vergrößern Seidel, Ina (Hrsg.): Deutsche Frauen. Bildnisse und Lebensbeschreibungen. Verlag Ernst Steiniger, Berlin 1939. 
  2. Ebenda. S. 204. 
  3. Ebenda. S. 208+.
    Dorner, Johann Conrad: Mathilde Wesendonck. ÖLw, 1860 (R. Bory, Coppet).  

Quellen:
  1. externer Link Wikipedia Holl, Karl: Mathilde Wesendonck. In: externer Link Wikipedia Seidel, Ina (* 1885 - † 1974) (Hrsg.): Deutsche Frauen. Bildnisse und Lebensbeschreibungen. Eingeleitet von Ina Seidel. Verlag Ernst Steiniger, Berlin 1939, S. 204 - 207. 

Bibliografie:
  • Holl, Karl: Mathilde Wesendonck. In: Seidel, Ina (Hrsg.): Deutsche Frauen. Bildnisse und Lebensbeschreibungen. Eingeleitet von Ina Seidel. Verlag Ernst Steiniger, Berlin 1939, S. 204 - 207. 


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