22.08.2010

An Guido

Mathilde Wesendonck: Gedichte, Volkslieder, Legenden, Sagen. 1862An Guido


1862

Gedichtszyklus


Ein Gedichtszyklus aus fünf Gedichten von Mathilde Wesendonck aus dem Jahre 1862, publiziert in ihrem Band Gedichte, Volkslieder, Legenden, Sagen.


Ernst Benedikt Kietz: Mathilde Wesendonck mit ihrem Sohn Guido. 1856
Kietz, Ernst Benedikt: Mathilde Wesendonck mit ihrem Sohn Guido. Pastellbild, 1856. (2)
 
Am 13.10.1858 verstarb nur dreijährig ihr Sohn Guido in Zürich. Sohn Paul verstarb bereits 1850 einjährig. Ihr zweites Kind, Tochter Myrrha, wurde 1851 geboren. Mit diesen Versen drückt sie den Schmerz einer Mutter aus, die ihr Kind verloren hat.


 

Mathilde Wesendonck: An Guido I.

An Guido.

I.

     Ruhe holder Knabe,
Ruhe sanft und lind
Nun im frühen Grabe,
Du mein liebes Kind!

     Weiß dich da geborgen
Vor der Erde Noth;
Schützet uns vor Sorgen
Einzig doch der Tod!

     Rinnen meine Thränen
Noch so heiß herab,
Glücklich muß ich wähnen
Dich im kühlen Grab.

     Ob das Herz in Bangen
Nach dem Liebling ruft,
Schweiget sein Verlangen
Vor der stillen Gruft.

     Möchte nimmer stören
Deine süße Ruh';
Leiden abzuwehren,
Schlafe, Liebling, du!

     Schlafe - laß mich weinen,
Weinen lang und schwer,
Du, in süßen Träumen,
Hörst es ja nicht mehr!

     Schwebe, Engel, schwebe
Leuchtend himmelan,
Wie die Sterne webe
Deine lichte Bahn;

     Hebe dich zur Sonne,
Tauch in Aether's Blau,
Unermeßne Wonne
Kränze deine Brau'.


 

Mathilde Wesendonck: An Guido II.

II.

     O sieh' mich einmal nur noch an,
Wie du es lächelnd oft gethan!
O thu' mir einmal nur noch kund
Das Wort aus deinem Kindesmund!

     O schling' die Aermchen um mich her,
Die lange schon nicht herzten mehr!
Wie sind die Füßchen dir so kalt,
Wie ist dein Hemdchen klein und alt;

     Wie ist dein Kissen steif und hart,
Hast du kein Bettchen weich und zart?
Du armes Kind, du darbest sehr,
Wohl hast du keine Mutter mehr!

     Sieh' her, die Schühchen bracht' ich mit
Und Kleiderchen nach bestem Schnitt,
Wie sie die Knaben gerne sehn
Und sie den Kleinen prächtig stehn. -

     O folge mir in's Vaterhaus,
Hier außen faßt mich kalter Graus,
Sie sagen mir: o bittre Noth! -
Sie sagen mir: mein Kind sei todt! -


 

Mathilde Wesendonck: An Guido III.

III.

     Mir war's, als hätt' ich dich gesehn
Im Traume durch den Garten gehn,
Du freutest dich der Blumen sehr
Und hüpfest lustig hin und her.

     Ich weiß nicht, dieser frohe Ton
Sprach meinem kranken Innern Hohn -
Ich schlich dir leise weinend nach
Und keines von uns Beiden sprach.

     Da hielt ich's länger nicht mehr aus,
Ich breitete die Arme aus
Nach meinem lieben, süßen Kind:
Doch sie umfingen nur den Wind.

     Und deine Stimme drauf erschallte,
Daß mir's durch jede Fiber wallt:
"O Mutter, lächle alsogleich,
Den Kleinen ist das Himmelreich!"


 

Mathilde Wesendonck: An Guido IV.

IV.

Liebes Kindchen, komm herein,
     Draußen ist es kalt,
Sieh', dein armes Mütterlein
     Weint sich grau und alt.

Möchte gerne bei dir sein,
     Halten dich im Arm,
Daß die kalten Gliedelein
     Würden wieder warm.

Hauchen ihren Athem ein
     Deinem bleichen Mund,
Färben deine Wängelein
     Wieder frisch, gesund.

Kannst ja nirgends besser sein,
     Glaube ihrem Schmerz;
Kehre, liebes Schäfelein,
     An das Mutterherz!

Wären auch die Himmel dein
     Und das Sonnenpaar,
Schwebtest du, ein Engelein,
     In der Sterne Schaar:

Kann doch nur dein Mütterlein
     Innig dich verstehn,
Willst du ganz zu hause sein,
     Mußt zu ihr du gehn.


 

Mathilde Wesendonck: An Guido V.

V.

Unter dem Platanenbaum
     Gruben sie ein Grab,
Knospe noch, erschlossen kaum,
     Senkten sie hinab.

Deckten es mit weichem Moos,
     Pflanzten Blumen drauf,
Aus der Erde feuchtem Schoos
     Sprießen Rosen auf.

Sprecht, ihr Rosen, habt geschaut
     Ihr das holde Bild?
Seid mit Perlen überthaut,
     Wehmuthsvoll und mild.

Selbst die Sternlein, die da steh'n
     Wacht am kleinen Schrein,
Mußten, seit sie es geseh'n,
     Mehren ihren Schein.

Und der Mond, wie glänzt er schön,
     Lieblich wunderbar,
Ob er wohl im Abendweh'n
     Bei dem Knäblein war?

Hehrer schmücket sich Natur,
     Mehret ihren Glanz,
Und des jungen Lebens spur
     Birgt der Todtenkranz.

Zwei Sterne nur, die einstens klar,
     Sind heute trüb' und blind.
Ob's wohl das Aug' der Mutter war,
     Die hier begrub ihr Kind?

 

Bilder:
  1. Vergrößern Wesendonck, Mathilde: Gedichte, Volkslieder, Legenden, Sagen. 1862. 
  2. Kietz, Ernst Benedikt: Mathilde Wesendonck mit ihrem Sohn Guido. Pastellbild 1856. Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth. 

Quellen:
    1. Wesendonck, Mathilde: Gedichte, Volkslieder, Legenden, Sagen. Druck E. Kiesling, Zürich 1862, S. 27 - 33.

    Bibliografie:
    • Wesendonck, Mathilde: Gedichte, Volkslieder, Legenden, Sagen. Druck E. Kiesling, Zürich 1862.


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