10.08.2010

Mignon

Mathilde Wesendonck: Gedichte, Volksweisen, Legenden und Sagen. Verlag der Dürr'schen Buchhandlung, Leipzi 1874Mignon


1874

Gedichtszyklus


Dieser Gedichtszyklus von Mathilde Wesendonck wurde 1874 im Band Gedichte, Volksweisen, Legenden und Sagen veröffentlicht. [1]


Mignon ist eine Figur aus Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre von 1795/1796. Sie wurde zum Inbegriff des knabenhaften, erotisch anziehenden Mädchens. Die Gestalt erscheint bereits in der ersten Version des Romans, Wilhelm Meisters theatralische Sendung, die Goethe zwischen 1777 und 1785 schrieb und die erstmals 1911 veröffentlicht wurde. 
Der Name „Mignon“ ist französisch und bedeutet „Herzchen“, „Liebling“.
Mignon, in Italien ihren Eltern geraubt, wird als 12- bis 13-jähriges Mädchen von der Hauptfigur des Romans, Wilhelm Meister, bei der Vorstellung einer reisenden Theatertruppe mit Geld ausgelöst.
Ohne Angaben zu ihrer Herkunft zu machen (nicht einmal ihren richtigen Namen gibt sie preis: Sie heißen mich Mignon.) wird sie zum Begleiter Wilhelms, entzieht sich aber allen Erziehungsmaßnahmen und verhält sich äußerst ungewöhnlich (verweigert Frauenkleider, gibt sich als Knabe, später als Engel). Ihre wachsende Zuneigung zu Wilhelm wird von einem traumatisierenden Ereignis überschattet: Sie wohnt, unbemerkt, einer Liebesnacht Wilhelms mit einer anderen Frau bei.
Nach diversen nervösen Anfällen stirbt sie schließlich aufgrund ihrer fragilen Konstitution bei einem Treffen Wilhelms mit dessen Verlobter. [2]
 
Mignon
Mignon im Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang von Goethe.

Zwischen Friedrich Schiller und Goethe entspannt sich ein reger Briefwechsel zu dem Thema Mignon. Am 02.07.1796 schreibt er an Goethe u. a. folgende Zeilen:
Mignons Tod, so vorbereitet er ist, wirkt sehr gewaltig und tief, ja so tief, daß es manchem vorkommen wird, Sie verlassen denselben zu schnell. Dies war beim ersten Lesen meine sehr stark markirte Empfindung; beim zweiten, wo die Ueberraschung nicht mehr war, empfand ich es weniger, fürchte aber doch, daß Sie hier um eines Haares Breite zu weit gegangen sein möchten. Mignon hat gerade vor dieser Katastrophe angefangen weiblicher, weicher zu erscheinen und dadurch mehr durch sich selbst zu interessiren; die abstoßende Fremdartigkeit dieser Natur hatte nachgelassen, mit der nachlassenden Kraft hatte sich jene Heftigkeit in etwas verloren, die von ihr zurückschreckte. Besonders schmelzte das letzte Lied das Herz zu der tiefsten Rührung. Es fällt daher auf, wenn unmittelbar nach dem angreifenden Auftritt ihres Todes der Arzt eine Speculation auf ihren Leichnam macht, und das lebendige Wesen, die Person so schnell vergessen kann, um sie nur als das Werkzeug eines artistischen Versuches zu betrachten; ebenso fällt es auf, daß Wilhelm, der doch die Ursache ihres Todes ist und es auch weiß, in diesem Augenblick für jene Instrumententasche Augen hat, und in Erinnerungen vergangener Scenen sich verlieren kann, da die Gegenwart ihn doch so ganz besitzen sollte.
...
Sonst finde ich alles, was Sie mit Mignon, lebend und todt, vornehmen, ganz außerordentlich schön. Besonders qualificirt sich dieses reine und poetische Wesen so trefflich zu diesem poetischen Leichenbegängniß. In seiner isolirten Gestalt, seiner geheimnißvollen Existenz, seiner Reinheit und Unschuld repräsentirt es die Stufe des Alters auf der es steht so rein, es kann zu der reinsten Wehmuth und zu einer wahr menschlichen Trauer bewegen, weil sich nichts als die Menschheit in ihm darstellte. Was bei jedem andern Individuum unstatthaft – ja in gewissem Sinne empörend sein würde, wird hier erhaben und edel. [3]

Mignon
Mignon in Wilhelm Meisters Lehrjahre. [4]

Auch Richard Wagner nahm sich dieses Themas an. In seiner Mignonne, Die Rose, 2. Lied für Gesang und Piano seiner 3 Gesänge (WWV 57) aus dem Jahr 1839, vertonte er Verse des französischen Autors externer Wiki-Link Pierre de Ronsard (* 1524 - † 1585) von seiner Ode à Cassandre, 1552/53: Mignonne, allons voir si la rose

Mignonne - YouTube, Gesang und Gitarre
Mignonne with Jacques Pottier singing with James Cannon on the guitar.

Der Gedichtszyklus von Mathilde Wesendonck, den sie 1874 in ihrem Gedichtsband Gedichte, Volksweisen, Legenden und Sagen veröffentlicht, umfasst diese fünf Gedichte:
Das Gedicht II diente Cyril Plante als Libretto für das Lied II seiner Neuen Wesendonck Lieder und die beiden letzten Strophen von III für sein Lied IV

 

Mignon I.

I. 
Im Traume hast Du mich geküßt

Im Traume hast Du mich geküßt
So herz-herzinniglich,
Als ich erwachte, fühl't ich noch
Den Kuß, so minniglich!

Doch hat im Leben kaum berührt
Die Lippen mir Dein Mund,
Kein Blick, kein Laut verrieth Dir je,
Wie sehr das Herz mir wund!

Im Traume hast Du mich genannt
Dein vielgeliebtes Lieb,
Als ich erwachte, hört' ich noch
Das Wort, so traut und lieb!

O zürn' ihm nicht, dem Minnetraum,
Der mich beseelt mit Muth,
Das Leben blickt mich feindlich an
Der Traum doch ist mir gut.

Was ist denn Leben, was ist Traum,
Was Wahrheit oder Trug? —
O laß mich träumen fort und fort,
Ich hab' gelebt genug! —

 

Mignon II.

II.
Ach, es ist ein traurig Küssen

Ach, es ist ein traurig Küssen,
Solch' ein Küssen nur im Traum,
Denn ein schmerzliches Vermissen
Seufzt im tiefsten Herzensraum!

Ach, es ist ein traurig Lieben,
Solch' ein Lieben nur im Traum,
Glück und Seligkeit zerstieben
Mit dem Morgenroth zu Schaum!

Ach, ein einziges Umfangen,
Arm in Arm und Brust an Brust,
Löschte all' dies Gluthverlangen
Aus in einer Welt voll Lust!

 

Mignon III.

III.
Tiefe Sehnsucht zehrt an meiner Jugend

Tiefe Sehnsucht zehrt an meiner Jugend,
Wie am Blüthenkelche nagt der Wurm,
All' mein Streben, Hoffen und Vollbringen
Ward geknickt, noch vor des Lebens Sturm.

Und so blieb ein schmerzliches Entsagen,
Mignon's Erbtheil auf der schönen Welt,
D'rin ein übermächtig Doppelsehnen
Sie an's Irdische gefesselt hält.

Wüßtest Du, wie grausam ich gelitten,
Sprächest selber Muth und Trost mir zu,
Und mein Herz, es fänd' in Deinen Armen
Endlich seine heißersehnte Ruh'!

Doch, wenn flehend ich die Arme öffne
Nach dem einzig mir erwünschten Glück,
Weicht das Ziel in unnahbare Ferne
Ewig unerreichbar mir zurück! —

 

Mignon IV.

IV.
Habe oft Dich bitten wollen

Habe oft Dich bitten wollen
Um den höchsten Augenblick,
Doch ein unerklärlich Bangen
Schaudernd hielt das Wort zurück.

Einmal folgen meiner Neigung
Wollt' ich, einmal selig sein,
Einmal an der ganzen Fülle
Höchsten Erdenglücks mich freu'n!

Und so faßt' ich mir ein Herze,
Schlich zur Nacht an Deine Thür,
Wußte, daß sie unverschlossen,
Wollt' mich bergen drin vor Dir!

Als zur Treppe ich gekommen,
Ein Geräusch gebot mir Halt,
Denn ich sah, den Gang hinschreitend,
Eine weibliche Gestalt.

Leise drückt sie an der Klinke
Deiner Thür und huscht hinein,
Bald d'rauf schallen Deine Tritte
Und der Riegel schiebt sich ein.

Unerhörte Qualen wühlten
Da mein ganz Empfinden auf,
Und des Herzens Puls, getroffen
An der Quelle, stockt' im Lauf.

Bleiern lag's auf mir wie Sterben,
Keine Rettung wußt' ich mehr,
Und ich wälzte mich am Boden
Schmerzlich zuckend hin und her.

Da erklang das Lied des Harfners
Aus der Kammer unter'm Dach,
Und ich stürzt' zu seinen Füßen,
Blieb die Nacht in Jammer wach! —

 

Mignon V.

V.
Ich trug es gern, Dich nur zu sehen

Ich trug es gern, Dich nur zu sehen,
In Deiner Nähe schmerzentrückt,
Und durft' ich auch von fern nur stehen,
Du warst ja da — ich war beglückt!

Dich lieben Alle — Du liebst Viele,
Dein Wesen gleicht dem Sonnenschein,
Deß Lächeln Glück und Segen spendet,
Mein armes Herz liebt Dich allein!

Als tiefstes Leiden mich zerquälte,
Unheilbar Weh mein Sein zerrieb,
Die Aerztin wußte, was mir fehlte,
Und die Arznei sie selbst verschrieb.

Du kamst! — Und sieh' — ich schien genesen,
Ein Wunder war an mir gescheh'n,
Du sahst voll Staunen auf das Wesen,
Das nie zuvor Du schön geseh'n!

Doch, als zur Freundin Du gesprochen
Das rasche Wort von ew'ger Treu', —
Da hast Du mir das Herz gebrochen:
Ein Krampf — ein Schrei — es war vorbei! —

 

Bilder:
  1. Vergrößern Wesendonck, Mathilde: Gedichte, Volksweisen, Legenden und Sagen. Verlag der Dürr'schen Buchhandlung, Leipzig 1874.

Quellen:
  1. Wesendonck, Mathilde: Gedichte, Volksweisen, Legenden und Sagen. Verlag der Dürr'schen Buchhandlung, Leipzi 1874, S. 43 - 48. 
  2. Wolf, Johannes: externer Link Mignon. Am Ende der Kindheit (schott-musikpaedagogik.de). 
  3. externer Link Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Erster Band, Kapitel 4 (Projekt Gutenberg). 
  4. Goethe, Johann Wolfgang von: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Drittes Buch. In: Goethe's Meisterwerke. Neue Prachtausgabe in zwei Bänden. Mit 365 Abbildungen von R. Cotter, A. Kratz, Paul E. Krüger, C. W. Schultze u. A. Zweiter Band. "Pallas" Verlag für Literatur und Volksbelehrung, Berlin S. W. um 1900, S. 279. 

Links:

Bibliografie:
  • Wesendonck, Mathilde: Gedichte, Volksweisen, Legenden und Sagen. Verlag der Dürr'schen Buchhandlung, Leipzig 1874.  


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